Von Aliens und Landkarten

Ich habe Recht. Meistens zumindest. Wobei mir der Begriff „Recht“ nicht gefällt. Impliziert er doch irgendeine externe Regelung, die mich „ermächtigt“, irgendetwas tun/haben/machen zu „dürfen“. So ein Schmarrn.

Es ist eher so, dass ich sehr schnell einen Überblick über die Zusammenhänge in sozialen Gebilden gewinne. Strömungen, Meinungen, Politik, Positionierungen, Äußerungen die auf Dinge einzahlen oder Äußerungen, die von irgendetwas ablenken oder die irgendetwas „pushen“ sollen. Das ist „Mein Ding“. Mir fliegen diese Informationen quasi zu. Mein Hirn saugt das alles irgendwie „automatisch“ auf und baut in seinem Informationsspeicher eine Landkarte des analysierten sozialen Gebildes auf. Wie eine Spielstraße auf einem Bett (wer kennt sie noch von früher? gibt’s die heute noch? keine Ahnung).

In meiner Funktion als Berater finde ich diese meine Fähigkeit extrem praktisch und nützlich – vor allem für den Kunden. Denn so kann ich doch immer relativ schnell und zuverlässig erklären, wie der Hase so läuft und was das für Person X, Abteilung Y oder Projekt Z bedeutet. Das lässt sich dann super mit einer (hoffentlich vorhandenen) Strategie abgleichen, das Delta ermitteln und einen Plan aufstellen, wie besagtes Delta zeitnah zur Strecke gebracht werden kann. Hopp Hopp flott zum Ziel. Effizient/Effektivität/Attacke. Läuft.

Mit der (für mich) vollständigen Landkarte im Kopf (bzw. besser: – bzw. passender: in einer Powerpoint Präse)  geht’s dann in den Termin mit einem Entscheider. Landkarte ausbreiten und erklären. Der kann nicht mit dem, der andere hat dies und das Problem, hier gibt’s grundliegende Probleme und am Ende ist es schon wieder, wie so oft, begründet in schlechter Absprache und mangelhafter Kommunikation. Klar, wie immer – das gleiche Muster, immer und immer wieder. Nächste Folie. Nächstes Thema. Nächste Beobachtung. Nächstes Bundesland und nächster Flußlauf auf der Landkarte. Alles klar.

Die Reaktion ist dann zumeist eine Mischung aus Verständnis, Unverständnis, Ablehnung, Empörung und Verdrängung. Vollstes, unmittelbares Verständnis („jawoll, so ist es“) gibt’s nie.

Da sitzt dann also der Alien (ich) und der Manager. Für mich ist die Sache total klar und die Lösung liegt „auf der Hand“. Entsprechende Lösungsansätze habe ich natürlich skizziert, vorbereitet und mitgebracht. Aber och ne, die sind ein Stück weit radikal. Wäre doch super, wenn wir lieber noch etwas abwarten oder „in Ruhe“ schauen „wie sich die Dinge entwickeln“. Also ein vergleichbarer Kurs der bisher gefahren wurde? Oder ist das ein „alter Kurs + X“? Und was ist X? Können wir das abstecken/definieren? Ach, das dauert noch? Schauen wir mal. Sigh.

Ach blöd, Meeting zu Ende. Müssen leider abbrechen denn das nächste Meeting steht an. Anderer Kreis von Menschen, Manager und Alien sind aber mit bei.

Interessanterweise geht’s da um ein Thema, was ich in meiner Allmighty Powerpoint-Präsentation ebenfalls mit angesprochen hatte. Die Gruppe fängt an zu sprechen und zu diskutieren. Und da passiert es:

Die Landkarte wird real. Vor meinen Augen wird die bisher nur geistig vorhandene, schimmerige, durchsichtige, Malen-nach-Zahlen-Geisteslandkarte mit Leben gefüllt. Die Protagonisten des Gesprächs nehmen ihre Wachsmalstifte und malen meine Karte aus. Alles passt. Das Gespräch „beweist“ meine Thesen. Die vorher ermittelten Fronten und Positionen werden begründet und nachgewiesen. Alles „passt“. Jede Äußerung zahlt auf das von mir vorher aufgebaute Modell ein. Nichts ist „schief“. OMG.

Ich muss lachen. Allerdings innerlich. Wobei. Eher schmunzeln. Oder ist es doch eher Verärgerung? Weil mir das alles klar ist und man mir trotzdem nicht einfach „glaubt“ und mich arbeiten lässt? Stattdessen müssen sich die Dinge durch Abwarten erst weiter in die bereits vorhergesehenen Richtungen fortpflanzen und, massiv multipliziert, falsche/abweichende Ergebnisse Produzieren, quasi „Öl in’s Delta kippen“ (geil).

Also heisst es hier wieder warten. Warten darauf, dass man meine Erkenntnisse teilt (oder auch nicht teil). Offiziell. Klar ausgesprochen. Damit ich mich orientieren kann. Damit ich meinen Platz, meine Struktur, mein Bild finden kann. Bis dahin ist es Chaos, Unordnung und der der beste Weg dahin, die Probleme, derenhalber ich hier bin, beizubehalten bzw. sie noch zu verstärken. So meine feste Meinung. Und irgendwie hab ich sowieso immer recht. Auch objektiv (bzw. für mich, subjektiv, objektiv).

Es nervt. Jedes Projekt verläuft gleich. Immer der gleiche Mist. Wenn man mir doch nur endlich einmal zuhören würde. Meine tagesaktuelle Bestandsaunahme genau so verarbeiten wie ich sage. Meiner Analyse vertrauen. Ich weiß schon, wovon ich spreche. Ehrlich jetzt. Aber niemand versteht mich und niemand „sieht“ die zahlreichen Indikatoren, auf die meine Landkarte fußt. Diese 1 Millionen Impulse die ich verarbeite um Dinge ganz tief zu verstehen. Wie soll ich in einem Gespräch diese Millionen Impulse auflisten um den Gegenüber zu überzeugen, meine Meinung einzunehmen? Das geht nicht.

Ich bin allein. Ein Alien. Wie immer.

Ich kann mir natürlich immer und ständig freudestrahlend hochjauchzend und hochenergetisch innerlich zuprosten, wie schlau und analytisch ich doch bin. Aber wozu? Was bringt’s? Am Ende nur Frust. Zweifel an „den anderen“. Am Sinn. An allen? An den Gesetzmäßigkeiten in Firmen? An den Regeln sozialer Gebilden? Hab ich vielleicht den falschen Job, weil es im Zweifel einfacher ist, so (falsch) weiter zu machen wie bisher statt Grundlegendes zu ändern? Oder bin ich zu ungeduldig, weil ich die Dinger „längst erledigt“ hätte? Sind meine Ansprüche vielleicht zu hoch? Echt jetzt?

Was mache ich bloß mit meinem Wissen, mit meinen Fähigkeiten? Was zum Geier soll ich tun? Wie kann ich mich zu 100% einbringen und „Vollgas geben“ ohne das Gefühl zu haben, dass es „nicht passt“ oder „too much“ ist?

Manchmal fühle ich mich einfach nur noch einsam… und alleine.

mov eax, happynez
decr eax
mov happynez, eax

 

… Nachdenkliche Grüße vom Themensezierer

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