Ein Hochsensibler geht auf die Messe …

Kennt ihr das? Ihr fahrt auf eine Messe, weil dort Sachen vorgestellt werden, die euch persönlich interessieren. Tolle Dinge. Spannende Themen. Ein Hobby vielleicht, das ihr liebt. Ihr freut euch also wie Bolle darauf, einmal alles in Ruhe ausprobieren zu können, ohne Stress und Druck.

Folgerichtig konsequent: Früh aufgestanden, zeitig losgefahren, damit man direkt zur Toröffnung da ist und „als erster“ die spannenden Produkte begutachten und ausprobieren kann. Dann muss man nicht warten und ist „schnell durch“ (zack zack, ein top optimierter Plan).

Angekommen. Rein in die Messe. „Boah“, geil. Schön leer. Aber irgendwie fühlt es sich komisch an. Alle gucken einen an. Klar, man ist der erste „Kunde“ und alle Aussteller scheinen interessiert an den Besuchern zu sein (logisch). Aber die gucken schon komisch. Gefühlte Hundert Augenpaare beobachten mich. Wie Wissenschaftler einen Alien (glaube ich). Ich spüre die Blicke. Sehe, wie Menschen ganz schnell weggucken, wenn man sie bemerkt und sie anguckt. Was ist los? Hab ich etwas merkwürdiges angezogen? Stimmt etwas nicht mit meinem Gesicht? Ist irgendetwas kaputt gegangen an meinem Körper auf dem Weg vom Auto zur Messe? Leichte Nervosität kommt hoch. Erst einmal ein Wasser kaufen gehen und in Ruhe aklimatisieren.

Durchatmen. Egal. Ich will ja die Produkte kennenlernen. Dafür bin ich hier. Blinder Konsum ist sch… aber das Erweitern meines Horizonts (a.k.a. „was ist technisch aktuell machbar“) fasziniert mich einfach. Und das geht nirgends besser als hier. Es ist maximal effizient das hier und jetzt zu tun, auch wenn mich alle anglotzen. Es ist richtig, hier alles abzuchecken und das Maximale aus dem Besuch heraus zu holen.

Also Tschaka – Augen zu und durch, die eigene Nervosität überwinden und beim ersten Hersteller pseudo-cool nachfragen, ob man „mal gucken/testen“ darf. Ich schwitze. Und meine Stimme war leiser als ich es vor hatte. Hat der mich jetzt verstanden? Ich Honk. Ein wirklich suboptimaler Auftritt.

Ah, er hat mich wider erwarten doch verstanden. Puh. Also hingesetzt – ich bin total nervös. Glotzen mich jetzt die anderen Messebesucher an, wie ich da jetzt da gerade sitze? Wollen die auch „ran“ und ich blockiere alles? Ich fühle mich unkomfortabel, es nervt gerade alles unendlich, und ständig in kürzester Entfernung andere Menschen um mich am herumwuseln. Es wird gerade alles total hektisch. Ich spüre Stress. Schweiss auf der Stirn. Ich bemerke, dass ich schwitze. Und das verstärkt das Schwitzen nur noch mehr. Stinke ich? Ruhig bleiben. Auf das Produkt konzentrieren und wirken lassen. Super, das funktioniert, der Puls sinkt proportional zum Grad der Konzentration. Gute Sache. Ich fokussiere mich auf das Produkt und lasse mich in der Erfahrung fallen. Um mich herum gibt’s keine Menschen mehr, es gibt nur noch mich und die Erfahrung. Ich tauche ein in diese Parallelwelt und achte auf Details. Ich spüre Freude in mir. Ich bin im Tunnel 🙂

Aber oh graus. Fertig mit Ausprobieren. Ich verlasse den Tunnel. Es geht zurück in die Realität. Ich muss die Matrix verlassen. Und zudem kommt jetzt das obligatorische „Und? Wie hat’s Ihnen gefallen?“ des Ausstellers. Ich muss reagieren ohne unhöflich zu sein – denn eigentlich mag ich Menschen.

Smalltalk. Ist einfach nicht mein Ding, denn der Typ gegenüber weiss doch ganz genau, dass immer die gleichen Phrasen gedroschen werden. Er möchte vermutlich nur nett sein. Oder Interesse heucheln. Oder er redet gerne und führt gerne Smalltalk. Ich finde das objektiv (bzw. für-mich-subjektiv) überflüssig, denn wenn ich zufrieden bin, werde ich das Produkt vielleicht kaufen oder nach einer Visitenkarte fragen. Wenn nicht, nicht. Die meisten Produkte habe ich sowieso vorher schon massiv über Testberichte/Erfahrungsberichte vor-seziert und kenne mich daher bestens aus. Ich kenne die Vor- und Nachteile und mir geht’s sowieso nur noch um meine finale, persönliche Meinung „vor Ort“. Ich kann nicht verstehen (so erlebt), wie Menschen tatsächlich auf so eine Messe fahren, ein Produkt testen und den Aussteller dann allen Ernstes fragen, was das Ding denn kosten soll. Das impliziert doch, dass dieser Besucher „blind“ auf die (Fach)Messe gefahren ist und die Produkte dort zum allerersten Mal in seinen Gehirnspeicher aufnimmt. Denn hätte er das vor der Messe schon getan, dann wäre er auch über den Preis (und auch über bereits an anderer Stelle zusammengefasster Pro/Contras) gestolpert. Er ist also nicht vorbereitet. Wie geht das denn?

Aber klar. Jeder Mensch ist anders. Für mich trotzdem unbegreiflich. Aber ich gehe vermutlich generell eher mit einem Grad der Effizienz an Dinge heran, den andere Menschen nicht für nötig (oder als „too much“) erachten. I’m an alien.

Also treten wir in die Phase des Smalltalks ein. Ich tue interessiert und brabbel ein paar Phrasen vor mich hin, in denen ich zusammenfasse, was er und ich sowieso schon glauben/wissen. Attribute X, Y und Z waren zu bemerken und verglichen mit Produkt B (vom gleichen Hersteller) gibt’s die folgenden Unterschiede. Bla bla. Ich finde das doof – aber zwischenmenschlich ist das natürlich eine ganz tolle Sache – wobei auch da mein innerer Sensor permanent am forschen ist, ob der Typ da gegenüber gerade

  • a) weniger über das Produkt weiss, als ich (weil er fachfremd ist und vorher nicht, so wie ich, 3 Monate Hardcore Recherche im Internet betrieben hat) (-> sinnloses Gespräch)
  • b) alles weiß (Experte ist), mich jetzt „gut fühlen lassen möchte“, indem er mich reden lässt (denn er weiss, dass viele Menschen einfach gerne reden, „verstanden“ werden wollen und sich danach besser fühlen – was natürlich dabei hilft, diesen Menschen später etwas zu verkaufen (-> psychologische Manipulation, lehne ich ab)
  • c) keine Verkaufshintergedanken hat, sondern einfach nur ein Nerd ist, der sich mit einem anderen Nerd austauschen möchte und dem es wurscht ist, ob ich danach kaufe (-> eher selten, bei sowas geht dann immer mein Herz auf)

Irgendwie will ich auch nett sein und versuche, ein fachlich fundiertes Fazit mit Querverweisen auf Erfahrungen X, Y und Z. Wenn’s nicht fruchtet (z.B. weil der Aussteller/Verkäufer diese Erfahrung nicht teilen kann-  was oft vorkommt, weil ich halt vorbereitend, wie ein Staubsauger, Informationen in mich einsaugte und jetzt querverknüpfe), spüre ich eine Irritation beim gegenüber und fühle mich automatisch „schlecht“ oder „negativ“. Habe ich grad Blödsinn erzählt, weil der Typ nicht eindeutig positiv (lächeln/Fachdiskussion/gutes Gegenargument) reagiert? Macht der Talk hier gerade Sinn? Ich respektiere jeden Menschen und möchte niemanden „ärgern“ – erzeuge ich gerade Unwohlsein beim Gegenüber durch meine direkte, un-smalltalk-artige-Art? Das möchte ich natürlich nicht. Ziehe ich jetzt ein paar Komplimente aus dem Ärmel um ihm ein gutes Gefühl zu geben? Wie durchsichtig/doof wäre das denn…?! Am Ende ziehe ich mal wieder ein negatives Fazit vom Smalltalk und speichere tief in mir ab, dass ich da eigentlich keine Lust mehr drauf habe und dass ich, gäbe es eine einfache Möglichkeit, Produkte lieber zu Hause testen würde ohne mich mit Menschen unterhalten zu müssen.

Und dieses Menschen-Interaktions-Programm rattert in mir durch, binnen weniger Milisekunden, unterbewusst, ungewollt. Meine Worte, die Beobachtung seiner Reaktion, das gefühlte Wahrnehmen von Emotionen in meinem Bauch, das relativ schnelle Ablehnen des Gesprächs, da mir das Ergebnis bereits vorher klar war oder direkt nach wenigen Sätzen klar wird. Und das Muster wiederholt sich. In jedem Gespräch. Mit jeder Person. Bekloppt. Und ich meine das nicht überheblich – es ist einfach so. Und ich meine es doch nur gut.

Zeit für Reflektion. Mein Unterbewusstsein ist stark. Viel stärker als mein Bewusstsein. Ich bemerke und interpretiere (unterbewusst) wie der Scanner von K.I.T.T. permanent Signale und versuche im Gespräch sehr schnell ein finales Bild aufzubauen, eine finale/klare Meinung zu manifestieren. Ab dann möchte ich nicht mehr weiter reden sondern nur noch schlussfolgern und Handlungen ableiten. Alles „ab dann“ abwarten ohne „zum Schluss zu kommen“ ist eine Tortur für mich. Gerne zu beobachten in Meetings, wo Stundenlang im Kreis geredet wird obwohl man bereits nach 15 Minuten hätte eine Schlussfolgerung ziehen können. Ich HASSE das.

Diese tief in mir drin liegende Ablehnung über Dinge zu reden, die für mich „klar“ sind, ist schon extrem und wird von anderen Menschen eher als negativ bewertet. Ich bin dann „zu einseitig“ oder sehe die Dinge immer nur „schwarz oder weiss“. Sozialtechnisch gesehen also eine Katastrophe. Ich meine, ich höre gerne Menschen gerne zu und versuche ihnen zu helfen. Ich mag Menschen. Aber auch da versuche ich immer Shortcuts zu wählen und die Ergebnisfindung zu beschleunigen. Ein Quell der Freude tut sich in mir auf, wenn ich auf andere Menschen treffe, die auch gerne „effizient“ in Gespräche gehen, also „auf den Punkt“ kommen wie man es so schön sagt. Dann fliegen die Gedanken in Lichtgeschwindigkeit durch den Raum und man kann „Großes“/ „Abstraktes“ diskutieren.

Ich plädiere also für die Aufsplittung von Messen in zwei verschiedene Arten.

  1. Eine Messe für Menschen, die sich gerne selber reden hören. Die einfach nur den sozialen Kontakt suchen um Freunde zu finden oder um einfach mal wieder „unter Leuten zu sein“. Die mittels Worten andere manipulieren möchten um ihre Produkte, die eigentlich niemand haben möchte, trotzdem zu verkaufen. Die etwas „Fachmesse-Flair“ aufsaugen möchten. Blabla.
  2. Eine Messe für Nerds, die sich für das Produkt interessieren, die gerne in Ruhe etwas ausprobieren möchten (und es leider nicht vorher möglich war, das ganze zu Hause zu testen). Dort stehen ein paar wenige Ausstellermenschen oder Roboter (:-)) bereit, die auf Wunsch Fragen beantworten. Um der Introvertiertheit der Nerds gerecht zu werden, können die Produkte alleine in abgetrennten Räumen, ohne Zeitdruck ausprobiert werden. Smalltalk ist ausdrücklich nicht nötig um alle Informationen/Eindrücke zu bekommen.

 

Wobei. Eigentlich gibt’s das alles schon. 1) sind diese unsäglichen Marketing-Blabla-Messen wo tagelang nur gesprochen wird. 2) ist das Shoppen im Online-Handel bzw. das Ausprobieren-und-bei-Nichtgefallen-zurückschicken-Modell, was heutzutage, gerade bei Technik-Nerds, wirklich unglaublich geworden populär ist…

Ich wünsche Euch einen schönen Start in die neue Woche!

Euer Themensezierer

 

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