Ich hatte noch keine Zeit…

Ich hatte noch keine Zeit für Thema X

Wie oft ich diesen Satz in meinem Leben schon gehört habe.

Früher reagierte ich zumeist mit einem Schulterzucken. Mittlerweile bin ich aber dazu übergegangen, (an Tagen guter Laune) den Leuten direkt auf diesen Satz zu antworten. Meine Lieblingsantwort ist: „Zeit. Wir haben alle gleich viel Zeit. Du meinst vermutlich eher, dass deine persönliche Priorisierung es bisher nicht zugelassen hat, sich um das Thema zu kümmern“.

Bisher habe ich noch keinen Menschen getroffen, der dann gelächelt und mir mit einem Grinsen erwidert hätte: „Recht hast Du. Das Jammern über zu wenig Zeit ist eh nur eine dumme Ausrede“.

In 100% der Fällen spürte ich eher eine Mischung aus Irritation, Beleidigtsein und Unverständnis beim Gegenüber. Der offensichtlich arrogante, klugscheißende Themensezierer hat wieder zugeschlagen.

Mitnichten. Was zu erklären wäre.

Heute sezieren wir also das Thema „Zeit“. Was ist eigentlich „Zeit“?

Hier gibt es (meiner Meinung nach) keine objektive, allgemeingültige Definition. Jeder, der das ganze als Allgemeingültig erklärt ist für mich ein Scharlatan. Am Ende ist es immer nur eine persönliche, subjektive Interpretation aller wahrgenommenen „Fakten“.

Meine persönliche Interpretation von „Zeit“ ist diese: Zeit ist eine Illusion. Eine Krücke des Gehirns um Dinge in eine Reihenfolge, in eine Relation, in eine Ordnung zu bringen.

Dabei kann es bei näherer Betrachtung eigentlich nur eine „Zeit“ geben: Den jetzigen Moment. JETZT. Die Summe aller Gedanken/Wahrnehmungen/Gefühle die JETZT vorherrschen. In der IT würde man von einem „Snapshot“ sprechen – also einem Schnappschuss – des JETZIGEN Zustands.

Eine (persönliche) „Vergangenheit“ gibt es meiner Meinung nach nicht. Es gibt nur einen Schnappschuss eines vergangenen Moments. Eine Momentaufnahme. Und da das Gehirn in jeder Milimikronanosekunde (wieder so ein künstlicher Versuch, Zeit zu strukturieren) einen neuen Schnappschuss anfertigt und im gigantisch großen Festplattenspeicher des Gehirns nacheinander abspeichert, entstehen in Summe eine Reihe von Schnappschüssen, die man dann als „Vergangenheit“ betrachtet. Es ist also eine Art riesiges Archiv, eine Bibliothek mit unendlich viel Fächern, in denen ein Schnappschuss jedes Moments abgelegt sind. Wunderbar kategorisiert, numeriert und mit einer dem Menschen beigebrachten (konditionierten) und daher jedermann bekannten Art und Weise (Tage, Monate, Jahre, Stunden, Minuten, Sekunden etc.) beschriftet (damit man alles später irgendwie wieder finden kann). Das spätere Wiederfinden von „alten“ (vollständigen oder teilweisen) Schnappschüssen nennt man „erinnern“.

Natürlich gibt’s dann auch noch das Hilfskonstrukt der „objektiven Vergangenheit„, d.h. eine Vergangenheit, bei der man selber nicht dabei war und Schnappschüsse anfertigen konnte. In diesem Fall werden „offensichtlich korrekte“ externe Informationen zusätzlich mit in die unsere eigene, oben erwähnte Bibliothek (-> Die Festplatte des Gehirns) einsortiert. Sollte es da dann schon ein Fach geben (-> eigene Schnappschüsse) dann würde man diese Erinnerung um die neue Information anreichern/erweitern. Gibt’s das Fach noch nicht, dann wird es angelegt und man weiss dann z.B. auch, dass im Jahre 333 vor Christus eine Schlacht in der Stadt Issos stattgefunden hat – auch wenn man aus biologischen Gründen für das Jahr 333 v.Chr. keinen persönlichen Schnappschuss hatte anfertigen können. Aber da es eine „offensichtlich objektiv richtige“ Information ist (sofern man dem Überbringer der Information glauben möchte), so wird diese mit in die eigene Bibliothek aufgenommen und der Blickwinkel auf die Vergangenheit erweitert sich.

Um den Kreis zu schließen, kann man schlussfolgern, dass diese Information (Schlägerei bei Issos, 333 v. Chr.) eigentlich nur ein persönlicher Schnappschuss irgendeiner Person gewesen sein muss, die mit der Zeit zu einer persönlichen „Erinnerung“ wurde und die dann letztlich vermutlich von irgendwem anders „objektiviert“ wurde (z.B. über das Aufschreiben). Über das Weitertragen dieser Information über Generationen hinweg konnte schließlich auch Dir dieser persönliche Schnappschuss dieser einen Person vermittelt werden und Du hast ihn dann irgendwann (vermutlich auf nachdrücklichem Wunsch/Befehl Deines Lehrers während der Schulzeit) als Deine eigene Wahrheit in Deinem eigenen Festplattenspeicher des Gehirns abgelegt. Und da sich das Gehirn besonders gut reimende Sachen „merken“ und „später wieder abrufen“ kann, weisst Du auch Jahrzehnte später noch, was diese Person damals 333 vor Christus grundsätzlich erlebt oder beobachtet hatte. Dein persönliches Bild zur „Vergangenheit“ wurde damit erfolgreich erweitert.

Das Gehirn bastelt sich also mit der Zeit (haha) ein Bild der „Vergangenheit“ – zusammengesetzt aus eigenen, komplexen Schnappschüssen (die „eigene Vergangenheit“) und externen Informationen (objektive Vergangenheit oder „Geschichte“).

Und die „Zukunft“? Sorry, die gibt’s genausowenig. Die Zukunft sind vorweg genommene JETZT-Zustände. Also eine Wette, auf das spätere Eintreten eines bisher noch nicht eingetretenen JETZT.

Natürlich ist unser Gehirn hochseriös und bezieht bei dieser Wette alle ihm zur Verfügung stehenden Fakten ein. D.h. die persönliche „Vergangenheit“ (-> ein Blick in die Bibliothek bzw. – da es schnell gehen muss – in eine abgespeckte, massiv abstrahierte Form der Bibliothek, die ich mal „Index“ oder „Werte“ oder „Erfahrung“ oder „Schlußfolgerungen/Muster“ nennen möchte). Auf Basis dieser „Erfahrungen“ werden „zu erwartende Veränderungen (Delta)“ abgeleitet. Dazu kommt jetzt noch das echte JETZT (d.h. was denke/fühle ich just in diesem Moment) und den auf Basis dieses zusätzlichen Informationspools kalkulierten Möglichkeiten. Danach setzen wir mit dem JETZT einen Referenzpunkt, auf den dann das mögliche, vom Gehirn kalkulierte („erwartete“) Delta angewendet wird um letztlich zu einem „erwarteten Ziel-JETZT“ (-> Zukunft) zu gelangen.

Zur Veranschaulichung der Konzepte „Referenzpunkt“ und „Delta“ werfen wir einen kurzen (naja…) Blick in die Welt der IT und der Algorithmen – konkret: In die Welt der Videokompression.

Ein Video besteht, ganz simpel, aus einer Serie hintereinander abgespeicherter Bildern, d.h. alles, was man z.B. im Kino sieht, ist streng genommen nur ein Abspulen von ganz vielen Bildern in einer bestimmten Reihenfolge (plus Ton – was aber nicht immer so war).

Ein Kinofilm, wie man ihn sich z.B. per Blu-Ray nach Hause holen kann, hat ein „Format“ von 1080p/24. Es werden also Bilder mit jeweils 1920×1080 Bildpunkten pro Bild automatisiert aneinander gereiht. Der Projektor/Fernseher zeigt uns dabei genau 24 Bilder pro Sekunde (das „p“ steht für „progressiv“, also Vollbilder – aber das ist ein anderes Thema). Es werden also 1440 Bilder pro Minute in „zeitlicher Abfolge“ auf den Betrachter losgelassen. Auf den Zeitaspekt möchte ich aber gar nicht hinaus. Sondern auf die Art und Weise, wie dieser Film nun auf eine Festplatte gespeichert wird wenn er z.B. digital (-> Blu-Ray) vertrieben werden soll.

Die 1440 Einzelbilder pro Minute werden nämlich nicht stumpf 1:1 hintereinander gespeichert sondern das ganze ganze Bildpaket (der ganze Film) wird „komprimiert“ (d.h. „verdichtet“). Dadurch wird erreicht, dass die entgültige digitale Datei, die der Blu-Ray Player später abspielen muss, kleiner wird und somit überhaupt erst auf das physische Medium (Blu-Ray Disc) passt.

Wie funktioniert nun so eine Kompression? Es werden wie gesagt nicht jedes der Einzelbilder gespeichert sondern, ausgehend von einem „ersten“ Bild (einer Referenz, einem sogenannten „Keyframe„), nur noch das Delta zwischen den dann folgenden Bildern. Und das inkrementell. D.h. es wird nur noch gespeichert, was sich zwischen den jeweiligen Bildern verändert. Das spart natürlich enorm Platz, denn die Information „ändere Pixel 8, 12 und 24 von grün nach blau in dem nachfolgenden Bild“ ist natürlich viel kleiner als das erneute Speichern von allen 1920×1080 Bildpunkten des Folgebildes.

Diese Art und Weise der Kompression macht natürlich nur dann Sinn, wenn die Unterschiede zwischen den Bildern so klein sind, dass

  • man die Veränderung einfach ermitteln kann und zudem
  • die Beschreibung dieser Veränderung kleiner ist als das Abspeichern des vollständigen Folgebild

Was ist nun aber, wenn der Regisseur mit einem harten Schnitt von einer Szene in einem gelben Rapsfeld auf eine Unterwasserszene (primär blau -> ganz anderes Motiv=total anderes Bild) wechselt? Die Unterschiede wären zu groß, es würde keinen Sinn machen (zu aufwändig), diese alle aufzuschreiben und beim Abspielen wieder nachzuvollziehen. Wir erzeugen also ein neues Keyframe, d.h. wir „resetten“ auf eine neue Referenz, erzeugen also einen neuen, frischen Schnappschuss der Filmwelt (bzw. der Filmszene) und gehen von da dann wieder inkrementell vor (bis sich die Szene erneut so heftig ändert, dass es erneut keinen Sinn mehr machen würde).

Und was hat das ganze mit der hier diskutierten „Zukunft“ zu tun? Nun, das Gehirn arbeitet meiner Meinung nach ähnlich – es arbeitet mit Zuständen und erwarteten Veränderungen (Deltas/Prognosen). Es wird erwartet, dass die Situation der „nahen Zukunft“ (z.B. in der nächsten Sekunde) „ähnlich“ zum JETZT ist – es werden sich voraussichtlich nicht viele Dinge verändern, man kann das zu erwartende Delta relativ gut abschätzen und so eine relativ zuverlässige Prognose (-> hohe Wahrscheinlichkeit des Eintretens) dieser Zukunft abgeben (analog der zuverlässig ermittelbar Deltas in der Filmkompression).

Aber je weiter man in die Zukunft denkt, desto mehr muss man davon ausgehen, dass sich das dann gültige JETZT so massiv verändert haben wird (-> großes Delta), so dass von einem massiv anderem JETZT als dem jetzigen JETZT auszugehen ist. Da wir jetzt nicht wie bei der Filmkompression einfach komfortablerweise einen „neuen Keyframe speichern können“ (weil es halt einfach noch nicht passiert ist und wir das Leben nicht  vorspulen können), rutscht man klar in den Bereich des Spekulativen und muss daher konstatieren, dass ein bewusstes Nachdenken über die weiter entfernte „Zukunft“ (und damit zählt für mich alles später als, sagen wir mal, 1 Sekunde) eher unseriös, unzuverlässig und irgendwie auch objektiv/mathematisch/logisch sinnlos erscheint.

Alle anderen, unterbewusst/unbewusst vom Gehirn angestellten „hoch wahrscheinlichen“ (da kleines Delta) Kurzfristannahmen (z.B. im Zeitrahmen kleiner 1 Sekunde) werden implizit/automatisch von uns akzeptiert, verarbeitet und als Basis für das weitere Handeln herangezogen. Das Gehirn ist meiner Meinung nach auf diese Weise permanent damit beschäftigt, sich die „nähere Zukunft“ zu überlegen und sich entsprechend darauf einzustellen. Das kann überlebenswichtig sein um z.B. unbewusst Schwierigkeiten zu entgehen die man bewusst viel zu spät realisiert hätte (wobei ich auf die sicherlich ebenfalls gültigem Aspekte wie „Instinkt“ und „Bauchgefühl“ auf dieser Stelle nicht eingehen möchte).

Aber ich schweife ab (das passiert mir ständig) – der Schwall von Gedanken ist unendlich. Unter’m Strich möchte ich einfach nur sagen: Das Konzept „Zukunft“ existiert nicht. Es ist – je nach kalkulierter Entfernung zum JETZT und Umfang/Vollständigkeit der in Betracht gezogenen Fakten – eine mehr oder weniger erfolgsversprechende Wette auf das zu dem anvisierten Zeitpunkt gültige JETZT. Punkt.

Die großen Denker dieser Zeit (ich möchte an dieser Stelle gerne, den von mir hoch verehrten, aber leider bereits verstorbenen, Alan Watts, zitieren) sehen das im Übrigen ähnlich:

The FUTURE is a concept, it doesn’t exist. There is no such thing as TOMORROW. There never will be, because TIME is always NOW. That’s one of the things we discover when we stop talking to ourselves and stop thinking. We find there is only PRESENT and an ETERNAL NOW.

Der mittlerweile weltbekannte „spirituelle Coach“ Eckhart Tolle hat sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben („Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“). Lest doch mal rein 😉

Und noch einer: Die Buddhisten lehren uns „Mindfulness“. Sich dem aktuellen Moment (also dem JETZT) „bewusst“ zu sein. Kleines Beispiel gefällig? Wo sitzt Du gerade, am Schreibtisch, mit den Ellbogen auf dem Tisch gelehnt? Dann lenke doch mal kurz deine ganze Aufmerksamkeit auf Deine Ellbogen. Wie fühlen sie sich an? Schmerzhaft? Angenehm? Starker Druck? Leichter Druck? Spürst Du auch den Pullover über den Ellbogen? Aus welchem Material ist der Pullover? Ist der weich oder kratzt er? Ist es warm an Deinem Ellbogen? Irgendwie fluffiges Gefühl. Und wie fühlt sich die Haut am Ellbogen gerade an? Angenehm? Weich? Was ist mit deinen anderen Sinnen? Was riechst Du gerade? Wie ist die Temperatur? Was nimmst Du JETZT gerade wahr? Und so weiter und so fort. Nehme das JETZT vollständig in Dich auf. Bilde Dir einen möglichst UMFASSENDEN Schnappschuss des JETZT – statt permanent in Gedanken (-> Erinnerungen oder Projektionen) zu schwelgen und sich eine imaginäre „Zukunft“ auszumalen. Denn während Du nachdenkst, zieht das echte JETZT an Dir vorbei und Dir ist vermutlich gar nicht aufgefallen, wie schön/interessant/komplex/wundervoll es doch war. Irgendwie schade, oder?

So, das waren jetzt ganz viel Worte – und was lehrt und das ganze Gerede hier nun? Was ist Ihr Schlussplädoyer, Herr Themensezierer?

Dass das bewusste, aktive Befassen mit der „Vergangenheit“ (-> Erinnern) und „Zukunft“ (-> Tagträumen, Mutmaßen, Annehmen, Spekulieren) vielleicht interessant und spannend, aber letzlich sinnlos und Zeitverschwendung ist. Der einzige echte Moment ist JETZT und dem gilt es die ganze Aufmerksamkeit zu widmen, um das meiste Wissen „herauszuholen“. 

Und um auch das noch kurz zu klären: Wenn euch das nächste Mal jemand sagt „Ich hatte keine Zeit für Thema X“, dann lächelt und denkt an meinen Blog. „Zeit“ im Sinne eines ungerecht verteilten „Bearbeitungskontingents“ gibt es nicht und „keine Zeit haben“ daher auch nicht. Die Person hatte viel mehr ihre bisherigen JETZT Momente mit Dingen vollgepackt, die keinen Raum mehr für „Thema X“ ließen. Zu Deutsch: Andere Sachen waren ihr einfach wichtiger. Simple as that.

Grüße vom Themensezierer (mit Knoten im Kopf)

P.S. So schön das alles klingt, so unmöglich scheint die konsequente Umsetzung zu sein, wenn man nicht gerade in einem Kloster oder in einem Wald lebt. Ist schon klar 😉

P.P.S. Ich selbst bin der größte Verallgemeinerer und Muster-Erkenner-und-Anwender auf diesen Planeten und bin eigentlich permanent dabei, die Zukunft zu prognostizieren (und liege mit meinen Vorhersagen zumeist auch richtig). Dass das aber trotzdem massiv zu Lasten des JETZT geht ist aber auch klar und belastet mich in letzter Instanz auch sehr.

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