Liebes Geld…

… hiermit spreche ich Dir die Kündigung aus, ich entziehe Dir mein Vertrauen, ich mache Schluß mit Dir. Es ist aus. Ich liebe Dich nicht mehr.

Was ist nur aus uns geworden? Wir waren mal so dicke miteinander. Seelenverwandte. Blutsbrüder. Gemeinsam an der Front des (Berufs-)Lebens. Wir waren wie füreinander gemacht.

Ich hatte wirklich (fast) alles für Dich gemacht. Einen Großteil meiner Lebenszeit für Dich geopfert. Großen Einsatz im Job gebracht. Mich physisch und mental verausgabt. Mir Strategien überlegt, noch erfolgreicher zu werden. Meinen Körper gestählt, um immer Höchtsleistungen geben zu können. Dir unendlich viele meiner Gedanken gewidmet.

Und was hatten wir nicht tolle Erlebnisse zusammen. Wir zwei gemeinsam im Autohaus. Immer schneller, krasser, teurer musste es sein. Alles ist möglich. Einfach mal „auf die Kacke hauen“. Dinge kaufen. Shoppen gehen. Reisen. Kohle raus hauen. Juhu! Juhu! Herrlich! Wir brannten!

Aber irgendwann dämmerte es mir. Du hast nicht mit offenen Karten gespielt. Ich glaube, du wusstest von Anfang an mehr als Du mir sagen wolltest und hast mich einfach auflaufen lassen. Eiskalt. Schmerzfrei. Asozial.

Die Anzahl der „Assets“ in meinem Leben wuchs. Der Grad meiner Zufriedenhat sank proportional dazu. Komisch?! Das kann doch nicht sein? Ich hatte Dich (und all die tollen Dinge, die wir zusammen gekauft haben) doch in mein Leben geholt um glücklicher zu werden?! Wo war der Denkfehler?

Das, was Dir, mein liebes Geld, zum Verhängnis geworden ist, ist mein Drang zur Selbstreflektion. Ich habe analysiert, warum ich trotz der vielen tollen Dinge nicht glücklicher wurde. In meinem Kopf wurde gnadenlos bilanziert: Welcher Gedanke des Tages war positiv und welcher negativ. Und wie war das Tagessaldo? Huch, öfters mal negativ? Und lässt sich vielleicht eine eindeutige Kausalität herstellen? Schon wieder über eines der Folgen eines „neuen Dings“ geärgert?

Dieser Reflektionsprozess hat ein Weilchen gedauert. Wochen. Monate. Vermutlich ein paar Jahre. Es mussten sich für mich erst ganz klare, logische Muster herausbilden bevor mein Hirn das Ganze als „Gesetz“ manifestieren konnte.

Und die schockierende Wahrheit war: Neue Dinge anschaffen macht nicht bedingungslos glücklich denn sie bringen immer unerwartete Folgekomplexität mit sich die nicht zu unterschätzen ist.

Es gibt in der Wirtschaft den schönen Begriff „Total Cost of Ownership“ (TCO). Damit ist eine Gesamtkostenbetrachtung für eine Anschaffung gemeint. Also initiale Kosten (z.B. Kaufpreis) plus laufender Kosten („Betrieb“ der Anschaffung) auf die gesamte geplante Nutzungsdauer gesehen.

Was in Firmen zumeist Standardprogramm bei einer Anschaffung ist, wird bei Privatleuten meistens vergessen. Man schafft sich Dinge an, die am Anfang ganz toll sind, bei denen dann aber möglichen Folgekosten (und damit sind nicht nur monetäre Aufwände zu sehen, ich zähle darunter auch Zeitaufwand und „Gehirn-Mietzins“ -also Inanspruchnahme seiner täglichen intellektuellen und emotionalen Kapazitäten, die man auch gerne für sinnvollere Sachen hätte einsetzen können) einfach außer Acht gelassen werden.

Je komplexer die Anschaffung, desto mehr mögliche Folgekosten – die dann irgendwie während der Nutzungsdauer mit „bezahlt“ werden müssen (natürlich neben all den anderen „Fixkosten“ die ein Privatmensch so hat, wobei für mich Zeit der wertvollste, teuerste Faktor ist und eigentlich bei der TCO-Betrachtung aufgewertet werden müsste).

Die Anschaffung eines Autos ist ein super Beispiel, da es ein hinreichend komplexes Gut darstellt. Hier ein Beispiel (nein, nicht aus meinem Leben – es ist alles rein fiktiv).

Joe A. aus B. an der S. braucht eine neue „geile Karre“. Einen heissen Schlitten, um dem Nachbarn auch mal beeindrucken zu können. Von Helden-Plattformen wie speck25.de (Name geändert) animiert besorgt er sich einen Autokredit zu einem „unglaublich niedrigen Zinssatz“ und kauft sich einen neuen BMW für 35.000 Euro. Eigentlich viel zu teuer für seine Verhältnisse aber er glaubt, es müsse einfach sein. Um die monatlichen Raten zu drücken zahlt er 3.000 Euro seines Ersparten an, die monatliche Finanzierungsrate beträgt 350 Euro. Laufzeit der ganzen Aktion sollen 3 Jahre sein, danach kann er das Auto zum Restwert kaufen. Da ich gerade zu faul zum Rechnen bin, gehen wir mal von einem Sonderzins von 0% aus.

Eine mögliche Total Cost of Ownership (TCO) beim späteren Kauf des Autos für die gesamten 3 Jahre sähe dann möglicherweise so aus (in Klammern der „Typ“ der entstandenen Kosten):

  • Anzahlung: 3.000 Euro (Geld)
  • Vergleich von Kreditkonditionen im Internet: 14 Stunden (Zeit)
  • Abschluss Kredit/Einreichen Unterlagen etc.: 2 Stunden (Zeit)
  • Versicherungsvergleich, Einholen mehrerer Angebote, Abschluss: 3×4 Stunden (Zeit)
  • Monatliche Finanzierungsraten: 36×350 = 12.600 Euro (Geld)
  • Versicherung für 3 Jahre: 1.200 Euro (Geld)
  • Steuer für 3 Jahre: 600 Euro (Geld)
  • Ständige Gedanken darüber, ob das Auto nicht zu teuer ist und dass man nächsten Monat schon wieder die Raten bezahlen muss (Angst vor Schulden): 1h/Woche = 52*3 Jahre = 156 Stunden (Zeit)
  • Winterreifen auf Felgen: 1.000 Euro (Geld)
  • Aufwand Wechsel auf Winterreifen: 3×2 = 6 Stunden (Zeit)
  • Neue Sommerreifen (ey, die Karre geht so gut…): 1.000 Euro (Geld)
  • Aufwand Wechel zurück auf Sommerreifen: 4 Stunden (Zeit)
  • Jahresservice/Inspektion: 850 Euro (Geld)
  • Streit mit Hersteller/Autohaus wegen unverschuldeter Defekte, bei denen aber erst einmal ein „Kulanzantrag“ gestellt werden muss: 16 Stunden (Zeit)
  • Persönlicher, in sich herein gefressener Ärger über den Hersteller, weil der einem im Problemfall im Regen stehen lässt: 7×24 Stunden (Zeit und Gehirnkapazität)
  • Streit mit Hersteller/Autohaus wegen Defekten, die mehrmals repariert werden mussten inkl. Aufwand für Werkstattbesuche: 16 Stunden (Zeit)
  • Persönlicher, in sich herein gefressener Ärger über die „Blödheit“ der Werkstatt, weil man schon wieder dahin muss: 7×24 Stunden (Zeit und Gehirnkapazität)
  • Entgangene positive Zeit mit Frau und Familie wegen am Esstisch diskutierter Defekte, Probleme und Ärgernisse: 7×24 Stunden (Zeit)
  • Parkrempler am Auto -> Unfallflucht, Lackschäden: 1.000 Euro (Geld)
  • Persönlicher Frust darüber, wie schlecht die Welt doch geworden ist: 7×24 Stunden (Zeit und Gehirnkapazität).
  • Restzahlung nach 35 Monaten: 19.400 Euro (Geld)

Vermutlich kann man noch weitere Dinge ergänzen, aber bisher addieren sich zu den erwarteten 35.000 Euro Geldaufwand noch 1108 Stunden extra Zeitaufwand. Jetzt könnte man, um eine Relativität (und Vergleichbarkeit) herzustellen, plump überlegen, was Joe pro Monat verdient um auf einen kalkulatorischen Stundenlohn zu kommen. Gehen wir mal von 20 Euro Brutto aus (d.h. seine Zeit-Stunde ist ca. 20 Euro wert), dann haben wir also noch einmal locker flockige 22.034 Euro oben drauf.

Wenn man jetzt aber annimmt, dass die Extrastunden ja aus dem Portemonaie „Freizeit“ bezahlt werden müssen und Freizeit anders gewichten würde (z.B. mit dem Faktor 2 gegenüber Arbeitszeit da Freizeit wertvoller=teurer ist) wären das schon 44.068 Euro „on top“ und der Wagen hätte in den drei Jahren knapp 80.000 Euro gekostet. Ganz schön viel für einen BMW. Klar, alles nur exemplarisch, kalkulatorisch und nicht zu Ende gedacht (z.B. welche der Zeitaufwände fallen in die Freizeit und welche haben evtl. auch Auswirkungen auf die Arbeitsleistung inklusiver eventueller Folgekosten?) – aber: you get the idea.

Liebes Geld, Du sagst, ich sehe die Dinge zu negativ und übertreibe, aber Ich glaube, dass meine Rechnung noch untertrieben ist, denn: Mit jeder weiteren, parallelen Anschaffung entsteht neuer geistiger Ballast, der dann parallel und während der gesamten Nutzungdauer zusätzlich verwaltet und verarbeitet werden muss.

Ich kann nicht stark genug betonen wie „teuer“ geistiger Ballast ist, denn er ist meiner Meinung nach implizit negativ aufgeladen und wirkt sich negativ auf die Gesamtstimmung (siehe „Tagessaldo“) aus. Man könnte dem entgegensetzen: Ist doch alles nur eine Frage der Einstellung. Nunja, das Unterbewusstsein arbeitet nonstop, unentwegt und macht sich automatisch Gedanken/Sorgen und „sortiert“ und „verarbeitet“ die täglichen Verpflichtungen – auch wenn man sich bewusst vornimmt, diese nicht als Belastung anzusehen. Und am Ende strahlt der Zustand des Unterbewusstsein auf das Bewusstsein aus, ob man es möchte oder nicht. Und dann werden alle die tollen neuen Sachen eine Belastung, die dann in letzter Instanz die bei der Anschaffung gesehenen positiven Aspekte überschatten.

Liebes Geld. Es reicht. Ich spiele da nicht mehr mit. Meine geistige Freiheit ist mir wichtig. Ich möchte mir nicht mehr Dinge anschaffen, die eine Flut von möglichen Folgeproblemen nach sich ziehen. Ich werde zukünftig lange darüber nachdenken, ob ich Dinge wirklich brauche und ob ich damit leben möchte, dass diese neue Anschaffung auf jeden Fall Folgekosten nach sich ziehen wird (und falls nicht Geld, dann zumindest Gedanken/Gehirnkapazität, die man eigentlich anders nutzen wollte).

Mein höchstes Gut ist geistige/gedankliche Freiheit. Sich zu jeder Zeit geistig frei und unbelastet zu fühlen – das wäre mir jedes Geld und jeder Luxus der Welt wert.

Hat eine Weile gedauert – aber nun wird alles gut.

Grüße von Eurem Themensezierer

 

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